In Europa und den USA haben wir es derzeit mit der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg zu tun. Noch schlimmer sieht es mit der Wirtschaft in Großbritannien aus. Brexit + Corona-Pandemie haben den Briten die schwerste Wirtschaftskrise seit 300 Jahren beschert. Angesichts der wirtschaftlichen Probleme ist es naheliegend, Vergleiche zur großen Depression der 1930er Jahre zu ziehen. Es ist grundsätzlich nie verkehrt, die Dinge aus der wirtschaftshistorischen Perspektive zu betrachten, um daraus etwas für die Gegenwart resp. Zukunft zu lernen. Tatsächlich laufen „Börsen-Crashs“ fast immer nach dem gleichen Muster ab, aber gilt das auch für schwere Wirtschaftskrisen?
Es gibt frappierende Ähnlichkeiten zur großen Depression der 1930er Jahre, aber auch gravierende Unterschiede. Zunächst einmal muss man die aktuelle pandemiebedingte Krise im Zusammenhang mit der Finanzkrise 2008 sehen. Schon bei der Bewältigung der Finanzkrise 2008 hatten die verantwortlichen Politiker und Notenbanker aus der Krise der 1930er Jahre gelernt. Die Regierungen haben auf die verheerende Austeritätspolitik der 1930er Jahre verzichtet und die Notenbanken haben extrem viel Liquidität bereitgestellt, um den totalen Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern. Die Politik hat ihren Beitrag geleistet, indem sie durch großangelegte defizitfinanzierte Konjunkturprogramme die Wirtschaftskreisläufe in Gang gehalten hat. Dank des koordinierten und schnellen Handelns konnte in 2008/09 eine Depression verhindert werden, während man in den 1930er Jahren durch eine restriktive Geld- und Fiskalpolitik die Krise verschärfte.
Die extremen Maßnahmen der Geld- und Fiskalpolitik nach der Lehman-Pleite 2008 waren aus unserer Sicht richtig und alternativlos, denn der drohende Systemzusammenbruch konnte verhindert werden. Wir haben aber von Beginn an gewarnt, dass die aggressiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen irreversibel seien, und eine Rückkehr zu einer Zinsnormalität nicht mehr möglich sei. Unzählige Male haben wir darauf hingewiesen, dass ein wirtschaftlicher Zusammenbruch drohe, sobald man versuchen würde, die aggressiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen zurückzudrehen. Unzählige Male haben wir die Situation mit einem Süchtigen verglichen, bei dem man die Dosis ständig erhöhen müsse, um noch eine Wirkung zu erzielen. Wie man in den letzten Jahren gesehen hat, war unsere Prognose zu 100 % richtig.
Die Quantitative Easing Programme wurden bis heute immer umfangreicher, die EZB manipulierte die Zinsen sogar in den negativen Bereich und die US-Staatsverschuldung ist aufgrund umfangreicher Konjunkturprogramme längst in einem kritischen Bereich angekommen. Die Ironie an den Geschehnissen der letzten Jahre ist es, dass genau die expansive Geld- und Fiskalpolitik, die notwendig war, um einen Systemzusammenbruch zu verhindern, in letzter Konsequenz die nächste Finanzkrise herbeiführen wird, die aufgrund weiterer „Rettungspakete“ zum fiskalischen Ruin vieler Staaten und zum endgültigen Zusammenbruch des aktuellen Finanzsystems führen wird. Als Lösung des Problems hatten wir vorgeschlagen, die drohende Gefahr eines unkontrollierten Zusammenbruchs des Finanzsystems dadurch zu verhindern, indem man durch eine Neuordnung des Wirtschafts- und Währungssystems („Reset“) die Gefahr aktiv und kontrolliert beseitigt. Auch wenn bei einem kontrollierten „Reset“ die Sparer enteignet werden und man versuchen muss, durch Lastenausgleichsgesetze die Vermögensverluste gleichmäßig auf viele Schultern zu verteilen, wäre das immer noch viel besser, als ein „unkontrollierter“ Zusammenbruch, der zu noch größeren „sozialen Flurschäden“ führen würde. Da bisher nichts unternommen wurde, um die bestehende Finanzarchitektur fundamental zu ändern (oder zu sanieren), ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis die nächste Finanzkrise einen „Reset“ erzwingt. Anleger sollten deshalb entsprechend vorbereitet sein.
Welche offensichtlichen Ähnlichkeiten gibt es heute zur Situation vor der Finanzkrise 1929/30?
Erstens: Schon in den 1920er Jahren gab es eine Häuserpreisblase in Florida und die Blase an den Aktienbörsen, die durch kreditfinanzierte Käufe angeheizt wurde und im Herbst 1929 platzte, kennt wohl jeder. In Europa kennen wir die Explosion der Immobilienpreise in Spanien und Irland, und in den USA platze die Immobilienblase mit der Lehmann-Pleite 2008. Der damalige Crash an den Immobilien- und Aktienmärkten hat nichts daran geändert, dass die Blasenbildungen an den Immobilien- und Aktienmärkten heute noch extremere Formen angenommen haben. Die Kurse an den Aktienmärkten haben teilweise mit der fundamentalen Realität nichts mehr zu tun. Als Rechtfertigung für die 11-jährige „Jahrhundert-Hausse“ kann nur noch das niedrige Zinsniveau dienen.
Zweitens: In 1929 gab es reihenweise Bankpleiten. In 2008 gab es die Pleite der Lehman Brothers, die zum Beinahe-Kollaps des Finanzsystems führte. Um Ähnliches wie 1929 zu verhindern, haben die Regierungen Rettungspakete für systemrelevante Banken geschnürt und selbst vor Verstaatlichungen nicht zurückgeschreckt. Die Notenbanken haben den Banken zusätzlich unbegrenzte Liquidität zur Verfügung gestellt. Trotz staatlicher Garantien und unbegrenzter Liquiditätsversorgung durch die Notenbanken ist das Bankensystem nicht sicherer, sondern eher fragiler geworden. Da Banken wegen der Minizinsen im Kreditgeschäft kein Geld verdienen können, basiert deren Geschäftsmodell auf Börsenspekulationen. Auch wenn Banken die Möglichkeit haben, Börsenkurse zu manipulieren und ihre Kunden nach allen Regeln der Kunst zu betrügen, kann ein Geschäftsmodell, das nur auf Spekulation basiert, nicht auf Dauer gutgehen. Dies dürfte zuletzt auch Warren Buffett gedämmert haben, als er seine umfangreichen Bankbeteiligungen veräußert hat.
Drittens: Auch das teilweise betrügerische Wirken von Finanzmarkt-Akteuren gab es damals wie heute. In den 1920er Jahren fielen die Leute auf das Schneeballsystem eines gewissen Charles Ponzi herein, in jüngster Zeit trieben Bernie Madoff und andere „Finanzmarktakteure“ ihr Unwesen. Immer mehr Menschen haben sich wegen der niedrigen Renditen auf das „Zocken“ mit der Hoffnung auf schnelle Gewinne verlegt. Gezockt wird mit Bitcoins und anderen Kryptowährungen, mit absurd hoch bewerteten Neuemissionen und mit hunderttausenden Derivaten. Zu Recht bezeichnet Warren Buffett die Vielzahl der Derivate als „Massenvernichtungswaffen“ gegen das Finanzsystem.
Viertens: Als die Wirtschaft nach dem Börsencrash 1929 in den USA und Europa einbrach (gemessen am GDP) stieg die Staatsverschuldung kräftig an. Die US-Schuldenquote (staatlich und privat) erreichte 1933 einen Höchststand von 300 % des GDP. Damals lahmte die Wirtschaft und es kam zu Pleiten und Arbeitslosigkeit. Da Steuereinnahmen fehlten, stieg die Verschuldungsquote in Relation zum schrumpfenden GDP stark an, obwohl die Regierung gleichzeitig eine Sparpolitik verfolgte. Heute ist es so, dass die staatliche Verschuldung neue Rekordniveaus erreicht, während gleichzeitig das GDP stark einbricht. Außerdem wird die Verschuldung von Firmen und privaten Haushalten langsam zum Problem.
Damals gab es wie heute angeschlagene Banken, eine Überschuldung bei Staaten, Firmen und privaten Haushalten, Immobilien- und Aktienmarktblasen sowie einen Hang der Menschen zum „Zocken“. Es gab damals wie heute auch eine immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Armen und Reichen. Neben diesen Ähnlichkeiten gibt es heute aber auch gravierende Unterschiede zu damals.
Erstens: Es gibt heute stärker ausgebaute Sozialstaaten als in den 1920er Jahren. Die steigenden Staatsausgaben während einer Krise werden durch höhere Ausgaben für Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld sowie durch sonstige Sozialausgaben verursacht. Solche Ausgaben wirken wie automatische Stabilisatoren. Die Einkommen weiter Bevölkerungsschichten werden einigermaßen stabilisiert, was letztlich auch die Krise bei Firmen und Banken abfedert.
Zweitens: Heute gibt es eine internationale Zusammenarbeit von Regierungen und Notenbanken, die im Notfall eine effektive und schnelle Krisenbekämpfung ermöglicht. 1929 war es so, dass die meisten Regierungen eigene Wege gingen und außerdem viel zu spät reagierten. Auf Anraten von John Maynard Keynes handelten die Briten als erste, Deutschland viel später und die USA bildeten das Schlusslicht.
Drittens: Bei Ausbruch der Krise 1929 gab es den Goldstandard, der eine rasche monetäre Expansion durch die Notenbanken verhinderte. Zwar gab es auch damals schon die Giralgeldschöpfung durch die Banken, aber die Banken kämpften ums Überleben und hatten Besseres zu tun, als die Wirtschaft durch eine üppige Kreditversorgung in Schwung zu halten. Heute können die Notenbanken unbegrenzt Liquidität zur Verfügung stellen, ohne den Beschränkungen des Goldstandards zu unterliegen.
Viertens: Infolge der diversen Unterschiede zu heute fiel in der Krise der Jahre 1929-1936 der Rückgang des realen GDP pro Kopf viel kräftiger aus als in der Krise nach 2008 und auch viel kräftiger als in der aktuellen Corona-Krise. Dagegen gab es nach dem vierten Krisenjahr 1932 einen V-förmigen Erholungsverlauf. Bis 1936 (im 8. Jahr nach Ausbruch der Krise) hatte sich die US-Wirtschaft auf das Vorkrisen-Niveau erholt. Anders in Europa: Nach 2011 gab es in Europa eine kleine „Double-Dip-Rezession“, sodass die Erholung nach Krisenbeginn in 2008 weniger dynamisch verlief. Das reale GDP pro Kopf erreichte bis 2015 noch nicht einmal das Vorkrisenniveau. Man kann aus diesem Sachverhalt schließen, dass wirtschaftliche Erholungen nach einer „abgefederten Krise“ ungeheuer zäh verlaufen. Dies bestärkt uns in der Vermutung, dass heutzutage die geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen immer größere Umfänge annehmen müssen, damit die Wirtschaft noch positiv beeinflusst werden kann.
Fünftens: Die Börsen reagieren heute nicht auf das schwache wirtschaftliche Umfeld, weil der größte Teil der von den Notenbanken zur Verfügung gestellten Liquidität nicht in die Realwirtschaft, sondern an die Börsen fließt.
Fazit: Der Vergleich mit der Depression von 1929 hilft wenig. Die Situation heute ist unberechenbar und nicht weniger fragil!